Die Recruiting-Illusion: Warum wir Fachkräfte suchen, aber Menschen wegfiltern

„Wir finden einfach keine guten Leute mehr.“ – Dieser Satz ist zum Mantra in deutschen Chefetagen geworden. Doch wer genau hinschaut, erkennt ein Paradoxon: Nie war es einfacher, Menschen zu erreichen, und doch war es nie schwerer, eine echte Verbindung zu ihnen aufzubauen.

In einer Welt, die auf Effizienz getrimmt ist, haben wir das Recruiting „industrialisiert“. Wir nutzen Recruiting-Funnels, automatisierte Screening-Tools und KI-gestützte Lebenslauf-Scanner. Das Ziel: Zeit sparen. Das Ergebnis: Wir verlieren die Seele des Unternehmens.

1. Die Effizienz-Falle: Wenn Algorithmen über Leidenschaft entscheiden

Der erste Fehler beginnt bei der Auswahl. Ein Algorithmus sucht nach Schlagworten wie „Projektmanagement“, „Python“ oder „5 Jahre Berufserfahrung“. Er sucht nach Deckungsgleichheit mit der Vergangenheit.

Was ein Algorithmus aber niemals finden kann, ist das Potenzial für die Zukunft. Er erkennt nicht, ob jemand für eine Sache brennt, ob er nachts wach liegt, weil ihn eine Lösung wurmt, oder ob er die Loyalität besitzt, auch in Krisenzeiten an Bord zu bleiben. Wenn wir die Suche automatisieren, finden wir „passende Bausteine“, aber keine Mitstreiter.

2. Der Verlust der Persönlichkeit im digitalen Trichter

Ein Bewerbungsprozess ist heute oft eine Einbahnstraße der Kälte. Der Bewerber investiert Zeit, schickt seine Unterlagen ab und erhält – wenn er Glück hat – eine automatisierte Eingangsbestätigung.

Wo bleibt der Moment, in dem ein Unternehmer sagt: „Ich habe deinen Werdegang gesehen und finde den Bruch in deinem Lebenslauf spannend. Erzähl mir mehr darüber!“?

Loyalität ist keine Einbahnstraße. Sie beginnt in der Sekunde des ersten Kontakts. Wenn ein Unternehmen sich wie eine Maschine präsentiert, wird es Mitarbeiter anziehen, die wie Rädchen im Getriebe funktionieren: Sie drehen sich, solange Öl (Geld) da ist, aber sie haben keine emotionale Bindung zum Motor.

3. „Bock auf die Aufgabe“ vs. Dienst nach Vorschrift

Wir suchen den loyalen Mitarbeiter, der „richtig Bock“ hat. Aber Motivation lässt sich nicht verordnen, sie muss entfacht werden. Ein Mensch bekommt nicht Lust auf eine Aufgabe, weil die Benefits im Inserat (Obstkorb, Gratis-Kaffee) stimmen. Er bekommt Lust darauf, weil er spürt, dass er als Individuum einen Unterschied machen kann.

Automatisierte Prozesse signalisieren das Gegenteil: „Du bist ersetzbar. Du bist ein Datensatz.“ Wer so empfangen wird, wird niemals die Extra-Meile gehen. Wer hingegen spürt, dass seine Persönlichkeit, seine Ecken und Kanten geschätzt werden, entwickelt eine Eigenmotivation, die kein Gehalt der Welt kaufen kann.

4. Das Ende der Standardisierung

Unternehmer müssen sich fragen: Will ich jemanden, der alle Kästchen in einem Formular perfekt ankreuzt? Oder will ich jemanden, der mein Unternehmen mit Herzblut voranbringt?

Wenn wir loyale Mitarbeiter wollen, müssen wir den Mut haben, die Automatisierung dort zu stoppen, wo die Menschlichkeit beginnt. Wir müssen:

  • Lebensläufe als Geschichten lesen, nicht als Datenblätter.
  • Persönliche Gespräche führen, bevor das System jemanden aussortiert.
  • Werte vor Zertifikate stellen.

Fazit: Recruiting ist Beziehungsarbeit, keine Fließbandarbeit

Der Fachkräftemangel ist oft kein Mangel an Menschen, sondern ein Mangel an echter Begegnung. Wer heute noch Mitarbeiter finden will, die bleiben und brennen, muss aufhören zu „rekrutieren“ und anfangen, Beziehungen aufzubauen.

Ein Unternehmen ist kein Algorithmus. Es ist ein Organismus aus Menschen. Und Menschen folgen keinen automatisierten Prozessen – sie folgen Visionen und Menschen, die sie wirklich sehen.